Mag. Natascha-Simone Paul und Mag. Tina Landreau
im Gespräch mit Univ.-Prof. Mag. Dr. Sabine T. Köszegi

Über persönliches Wachstum

Als wir das Büro von Frau Professorin Köszegi betreten, empfängt uns eine taffe Frau mit freundlichem Blick und einnehmender Präsenz. An der Wand hängt ein riesiges farbenfrohes Wandbild. Sie selbst malt auch, wie sie uns später erzählen wird.

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Foto: Rita Newman

Im Gespräch mit Univ.-Prof. Mag.a Dr. Sabine T. Köszegi

Ihr eigener Karriereweg begann mit einer selbstbewussten Vision ...

Ich habe als Postdoktorandin eine Strichfrau mit Blümchenkleid gezeichnet und darübergeschrieben: ‚Ich werde Professorin‘“, erinnert sie sich mit leuchtenden Augen. „Manchmal muss man nach den Sternen greifen.“
Heute ist sie Leiterin des Instituts für Managementwissenschaften und beobachtet die Entwicklungen und Zusammenhänge unserer Zeit.
„In meinem Auslandssemester in den USA habe ich zwei Lehrveranstaltungen besucht, die für mich lebensverändernd waren: Organisationstheorie und Managing ­People and Organizations. Ich interessiere mich für die größeren Zusammenhänge von sozialen Systemen und das lässt sich für mich als eigenständiger, freiheitliebender, kritisch denkender Mensch in der Wissenschaft am besten realisieren. Damals wie heute bin ich der Meinung: Man soll das machen, wofür das Herz brennt, weil man genau darin dann auch wirklich gut ist.“

Als erste schwangere Professorin an der TU Wien haben Sie wichtige Strukturen geschaffen und den Weg für nachfolgende Generationen geebnet. Was raten Sie Studentinnen?

„In unserer Fakultät im Maschinenbau ist die Kultur noch sehr traditionell“, reflektiert sie. „Gerade junge Frauen spüren einen enormen Assimilationsdruck – entweder man passt sich an oder … es ist herausfordernd.“
„Ein wertschätzendes Netzwerk ist das Um und Auf. In meiner Abteilung zum Beispiel haben wir ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis, und genau das ist es, was weitere Diversität anzieht. Das ist wichtig, denn das ewige ‚Anders-Sein‘ ist erschöpfend. Wir müssen diesen ‚Token-Status‘ der Frauen in der Technik endlich eliminieren.“
Ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis macht ihr Institut nicht nur für Frauen attraktiv. Auch andere Formen der Vielfalt, sei es sexuelle Orientierung oder ethnischer Hintergrund, bereichern das Team.
„Es bringt Herausforderungen mit sich, ermöglicht uns aber auch viele Chancen. Es lehrt uns, zuzuhören und andere zu verstehen. Das ist enorm wichtig, gerade in der heutigen Zeit.“

Sie forschen intensiv an den Auswirkungen von KI auf die Arbeitswelt. Wie können sich Studierende heute auf diese KI-Zukunft vorbereiten?

Der kompetente Umgang mit KI (KI-Literacy) ist heute essenziell und basiert auf vier Ebenen: Erstens das Verständnis für menschliche Autonomie, zweitens ethische Aspekte wie Fairness und Inklusion, drittens praktisches Anwendungswissen und viertens das technische Designwissen. Ich beziehe mich da auf die UNESCO, die empfiehlt, dass jeder Mensch zumindest die ersten drei Stufen beherrscht. Die wahre Herausforderung sehe ich aber im Umgang mit der generativen KI, die uns mit schnellen Lösungen lockt und zu ‚Abkürzungen‘ verleitet.“

Warum ist es so wichtig, diesen KI-Verlockungen zu widerstehen?

„In meinen Vorträgen zeige ich oft ein Aquarellbild, das ich selbst gemalt habe“, erklärt Prof. Köszegi und deutet auf das riesige Bild an ihrer Wand. „Natürlich könnte eine KI in Sekunden ein perfektes Porträt erschaffen. Aber darum geht es ja nicht. Beim Malen geht es um viel mehr: Um den Ausdruck dessen, was in mir ist, um die Beherrschung einer Technik, um die Freude am eigenen Schaffen, um den Kontakt, den man mit den Betrachter*innen eingeht. All diese wertvollen Stufen eines kreativen Prozesses lassen sich nicht in einem KI-generierten Bild zusammenfassen. Ich warne davor, nur auf das Endergebnis zu schauen und den Prozess zu ignorieren. Dann verpassen wir das Wichtigste – nämlich unsere eigene Entwicklung.“
Mit Nachdruck fügt sie hinzu: „Was mir wirklich Sorgen bereitet, ist, dass ich immer wieder beobachte, wie junge Menschen in eine Art ‚Selbstwirksamkeitsblase‘ fallen. Oft höre ich: Warum soll ich noch lernen, wie man einen Aufsatz schreibt, wenn die KI das sowieso besser kann? Aber genau darum geht es! Bei diesen Prozessen lernen wir das Denken! Wir lernen, Zusammenhänge zu verstehen, eigene Gedanken zu entwickeln und zu argumentieren.“

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Eigenes Kunstwerk von Univ.-Prof. Mag. Dr. Sabine T. Köszegi

Aber KI ist ja nicht mehr wegzudenken! Wie sollen Studierende jetzt und dann in ihrer beruflichen Zukunft damit umgehen?

„Studierende sollten in ihrer Ausbildungszeit keine ‚Abkürzungen‘ durch KI nehmen. Es ist wie beim Sport – niemand wird ein besserer Fußballspieler durchs Zuschauen. Oder nehmen wir das Thema Fitnessstudio – wir wissen, dass wir unsere Grundfunktionen trainieren müssen, sonst verkümmern sie. Das gilt auch für unsere kognitiven Fähigkeiten. In Zukunft wird es zwei Arten von Arbeitnehmer*innen geben: einerseits die reinen KI-Anwender*innen ohne tiefere Kompetenzen und andererseits Menschen mit echtem Können, die KI als zusätzliches Tool nutzen. Der Unterschied liegt in der Basis, die wir uns jetzt erarbeiten. Deshalb ist es so wichtig, zuerst die eigenen Fähigkeiten zu entwickeln, bevor wir KI als Werkzeug einsetzen.“

Viele Studierende fühlen sich aber auch stark unter Druck, immer schneller und effizienter zu werden. Da ist doch eine „Abkürzung“ oft sehr willkommen?

Die zentrale Frage sollte sein: Was sind nachhaltige Outputs? Es geht nicht um Quantität, sondern um echte Wirksamkeit“, betont Prof. Köszegi. „Als Professorin erfüllt es mich zum Beispiel am meisten, wenn meine Absolvent*innen ihr Wissen erfolgreich einsetzen – das zählt für mich mehr als jede Publikationsliste.
Was Leistungsdruck und Perfektionismus betrifft, möchte ich den Studierenden Folgendes ans Herz legen: Setzen Sie Ihre Energie dort ein, wo Sie wirklich etwas bewegen können. Gerade in Zeiten der KI brauchen wir eigenständiges Denken mehr denn je.“
Mit Begeisterung berichtet sie von einem inspirierenden Beispiel aus Bogotá, das sie kürzlich besuchte: Studierende entwickelten dort KI-gestützte Prothesen für Parkinson-Patient*innen, verbanden technisches mit medizinischem Wissen, im Rahmen sogenannter Makerspaces. „Diese Art des projektbasierten, interdisziplinären Lernens zeigt, wie Bildung aussehen kann. So entdeckt man, wofür das Herz wirklich brennt – durch echte Projekte, die etwas bewirken.“

Zwischen KI und Karriere: Worauf kommt es wirklich an?

Mein Rat ist: Fragen Sie sich: Was macht mich einzigartig? Worin möchte ich wirklich gut sein? Es wird immer Menschen geben, die nur die Tools bedienen – aber die spannenden Jobs, die erfüllende Arbeit, die bekommen diejenigen, die mehr können. Die kritisch denken können, die eigene Ideen entwickeln, die über den KI-generierten Durchschnitt hinausgehen.“

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